Die Schärfentiefe ist einer der elementaren Faktoren in der Fotografie, der die meisten (neuen) Fotografen mit Fragen überhäuft. Eine Frage, die mir häufig gestellt wird, ist “Woher weißt du, wieviel Schärfentiefe du brauchst?” Jeder, der sich auf dieses Thema gestürzt und ein paar Quellen zu Rate gezogen hat, weiß, dass man schnell verwirrt ist… der Kopf dreht sich und versucht alle Konzepte miteinander zu verbinden: Unschärfekreis, Brennweite, Objektabstand, Vergrößerungsfaktor, Formatgröße, Abbildungsmaßstab u.s.w.
Ein funktionierender Ansatz kann aber viel einfacher sein…
Früher hatten Objektive Markierungen für den Schärfebereich eingraviert, die einem eine ungefähre Vorstellung darüber gaben, was bei einer bestimmten Distanz und Fokus scharf abgebildet würde, bei einer bestimmten Blende für die jeweilige Linse. Man kann auch Schärfentiefetabellen mit sich herumschleppen. Heute gibt es sogar kleine Programme für das iPhone, die einem den Schärfebereich für ein bestimmtes Objektiv und Kamera verraten.
Als ein Portrait- und Hochzeitsfotograf kümmere ich nicht mehr so sehr darum. Zum einen durch meine Erfahrung (und die hilft immer), aber hauptsächlich durch mich selbst, habe ich die Frage “Wieviel Schärfentiefe brauche ich?” auf diese Antwort reduziert: Gerade genug.
Das scheint eine resignierte und witzhafte Antwort zu sein. Wie auch immer, wieviel Schärfentiefe braucht man tatsächlich? Genug eben.
Abhängig vom Bereich der Fotografie, in dem ihr euch aufhaltet, können eure Anforderungen andere sein. Ein Portraitfotograf hat andere Kriterien als ein Fotograf, der vorrangig Landschaften, für die Werbung, Architektur, Sport oder für die Nachrichten fotografiert. Behaltet also im Hinterkopf, dass meine Antworten hier nicht auch auf euch zutreffen könnten. Diese Einschätzung muss ich hier loswerden, bevor die Anderen von den Lesern meines Blogs zerfetzt werden. ;)
Ich lege meine Schärfentiefe danach fest, indem ich drei Kategorien erstellt habe…
- geringe Schärfentiefe (f1.4 bis f2.8 .. oder auch f4)
- mittlere Schärfentiefe (zwischen f4 – f8)
- sehr große Schärfentiefe (f8 und kleiner)
Wenn ich ein Portrait fotografiere, bin ich oft daran interessiert, nur die Augen in den Fokus zu legen. Also würde eine geringe Schärfentiefe reichen. Deshalb funktioniert jede Blende zwischen f4 und f1.4. Die Art, wie sich der Hintergrund darstellt und wieviel vom Gesicht des Models ebenfalls scharf ist, variiert dabei natürlich. Aber der wichtigste Punkt in beinahe jedem Portrait -die Augen- werden scharf sein und damit hat man den wichtigsten Teil gemeistert.
Die Fotos in diesem Beitrag sind während einer Session entstanden, die darauf abzielte, die Stimmung und reizvolle Schönheit einzufangen. Dafür wollte ich eine äußerst geringe Schärfentiefe.

Wieviel Schärfentiefe habe ich gebraucht? Gerade genug. Das bedeutet, f2.8 hätte es getan, genauso wie f2 oder f1.4 oder etwas dazwischen. Die Art, wie die Fotos wirken würden, hätte sich zwischen f 1.4 und f2.8 ein gutes Stück verändert, aber nichts daran wäre für dieses Szenario falsch gewesen. Ich hätte jede erdenkliche Blende dafür verwenden können und trotzdem erfolgreiche Fotos bekommen. Aber ich wollte eben eine sehr geringe Schärfentiefe, also bin ich bei f1.4 gelandet, was außerdem äußerst hilfreich war, da ich während dieser Session meistens zwischen 1/30 – 1/160 Sekunde bei 1600 ISO fotografiert habe. Alles handgehalten.

Der Punkt, den ich versuche klar zu machen, ist, dass ich für dieses Szenario (und ich wette, das trifft auf die meisten Fotografiesituationen zu) keine Schärfentiefetabellen brauchte. Ich musste mich nur für einen Bereich von Blenden entscheiden, in dem ich arbeiten wollte. Ich wollte eine geringe Schärfentiefe und hätte diese mit einem relativ großen Bereich von Blenden erreicht.
Es gilt auch zu beachten, dass Schärfentiefe keine genau definierbaren Kanten hat. Das heißt, wenn der Schärfentieferechner angibt, dass bei Blende f5.6 genügend Schärfe zwischen (sagen wir mal) 1,5 und 4 Metern liegt, es nicht bedeutet, dass bis 4m alles knackig scharf und ab 4,5m traumhaft verschwommen ist. So ist es einfach nicht. Es ist ein linear verlaufender Bereich von Schärfedarstellung. Das Verständnis dafür ist wichtig, um den Effekt von Schärfentiefe und den Wechsel von Blende zu Blende zu begreifen. Es verlauft geradlinig, nicht schrittweise.
Das bedeutet, dass es eine lineare Veränderung zwischen benachbarten 1/3 Blendenstufen gibt und es einfach ist, den Unterschied von z.B. f3.5 zu f4 verfolgen zu können. Sich für einen Bereich von Blenden zu entscheiden, in dem man bleiben möchte und dann die passenden ISO und Verschlusszeiten zu finden ist eine praktischere Methode. Also, dann die drei Bälle zu jonglieren (Blende, Verschlusszeit & ISO) um praktikable und nützliche Einstellungen für die Kamera zu finden.
Für eine Gruppenaufnahme braucht man deutlich mehr Schärfentiefe und man wird sich sehr wahrscheinlich im Bereich von f4 bis f8 wiederfinden. Wenn die Personen in einer Linie stehen (oder sitzen), so dass ihre Augen mehr oder weniger auf einer Fokusebene liegen, könnte man gut mit einer Blende von f4 zurechtkommen. Sobald sie aber gestaffelt sind, braucht man eine kleinere Blende. f8 oder noch kleiner (was bedeutet, dass die Zahl hinter dem ‘f’ für die Blende größer wird).
Landschaftsfotografen brauchen oft tonnenweise Schärfentiefe. Aber das hängt auch von dem künstlerischen Ansatz ab. Man kann auch eine große Blende wählen, um ein Objekt in der Landschaft visuell zu isolieren. Wenn man aber mehr Schärfentiefe möchte, kommt man in den Bereich von f11 und f16. Ab Blende f22 und kleiner kommt man an eine Grenze, an der Beugungsunschärfe auftritt und die Qualität der Fotos ernsthaft verschlechtert. (Das ist aber ein anderes Thema und ihr könnt danach googlen, wenn euch das interessiert.)
Außerdem ermöglicht mir eine geringe Schärfentiefe das Augenmerk des Betrachters zu lenken. Hier sind zwei Fotos. Beim ersten habe ich den Fokus auf die Augen gelegt und beim zweiten auf die Hände. Für mich funktionieren beide Bilder gleichermaßen.
Letztendlich, um diesen schlingernden Beitrag abzuschließen, wollte ich einen Weg aufzeigen, der einen künstlerisch von der Angst vor einer speziellen Blendenwahl befreit… speziell wenn man vorher Schärfentiefetabellen benutzt hat. Mein Arbeitsansatz zur Wahl des Schärfebereichs: Entscheidet euch, wieviel Schärfentiefe ihr ungefähr braucht und verwendet dann eine Blende aus dem Bereich, in dem ihr gerade genug Schärfentiefe haben werdet. In seiner Einfachheit irgendwie selbsterklärend.
![]()
Autor: Neil van Niekerk
Übersetzung: Michael Krause



{ 2 trackbacks }
{ 2 comments… read them below or add one }
Hi
Thanks for the great informations about photography and light.
Michael
Auch hier wieder aufstehende Nackenhaare meinerseits durch die falsche Verwendung von groß/klein im Bezug auf die Blende.
Große Schärfentiefe erhalte ich bei geschlossener Blende (z.B. 1:16).
Kleine Schärfentiefe erhalte ich bei offener Blende (z.B. 1:2.8).
Es sind und bleiben Kehrwerte, die Schreibweise f4 ist nur Bequemlichkeit, was aber nichts daran ändert, dass Blende 1:4 offener (größer) ist, als 1:8.
Vielleicht willst Du Deine Texte daraufhin überarbeiten. Vermeide einfach groß/klein.